Plastikfasten? Das ist nicht nur für Wahnsinnige, Herr Pollmer!

Ich mag Udo Pollmer. Wirklich. Er ist ein streitbarer Geist, seine Kolumnen auf Deutschlandradio Kultur sind nicht nur unterhaltsam, sondern spannend und bieten mir immer neue Denkanstöße. Aber langsam nimmt dabei das Ökobashing überhand. Mitten in der österlichen Fastenzeit sprach Pollmer in seiner Kolumne über den Ökowahn „Plastikfasten“. (Den Originalbeitrag gibt es hier.) Diesmal gab es leider keine Denkanstöße und gut recherchierten Hintergrundinfos, sondern rein polemisches Krakeelen. Vielleicht lag es daran, dass das Wort Fasten zwar theoretisch was mit Essen zu tun hat, aber Plastikfasten ein Thema mit eher technischem Hintergrund ist.

Pollmer schimpft in seinem Beitrag über Leute, die denken, sie könnten mit dem vorösterlichen Verzicht auf Plastik die Welt retten. So eine Art Plastikdiät wäre ja wohl der größte anzunehmende Quatsch überhaupt. Schließlich könne man damit nicht die Welt der Ozeane vor Plastikstrudeln retten. Das wäre ein Problem anderer Länder. Und überhaupt würden in Deutschland 99 Prozent der Kunststoffe recycled.

Jetzt mal stopp. So etwas denkt kein Mensch. Ich bilde mir nicht ein – und ich bin sicher, dass ich damit nicht alleine bin – dass ich etwas gegen die riesigen Plastikstrudel tun kann, die beispielsweise in Bali beim exotischen Schwimmen mit Mantas den Blick nach oben trüben. Aber das ist nicht nur ein Problem entfernter Länder. Dazu reicht es, nach einem Hochwasser den Blick an einem Flussufer schweifen zu lassen. Haben Sie schon mal gesehen, was da liegt? Das ist nicht nur ein Plastiktütchen, das aus der Tür eines unaufmerksamen Fahrers entschwebt ist. Im Sommer, wenn alles grün ist, sieht man den ganzen Unrat auch nicht. Aber werfen Sie doch mal einen Blick auf die Funde von Stephan Horch vom Clean River Project. Dann werden Sie vielleicht sehen, dass doch nicht alles in den Verwertungsanlagen landet.

Die Zahlen zur Wiederverwertung sind zwar theoretisch toll. Aber leider geht es dabei nur um den Müll, der tatsächlich in der gelben Tonne landet. All der andere, der in der Natur (pardon, ich meinte damit natürlich nicht die wilde Natur, sondern einfach nur ein Plätzchen außerhalb der gelben Tonne oder des gelben Sackes), in städtischen Mülleimern oder in der Restmülltonne landet, für den gilt das nicht. Und selbst aus den Kunststoffen in der gelben Tonne werden ja nicht all die neuen Plastiktütchen, in die dem Ökowahn abgeneigten Kunden ihre Bananen verpacken. Es werden noch nicht mal neue Parkbänke daraus. Die Hälfe davon wird schlicht und einfach verheizt. Und auch wenn damit zum Teil Kohle oder Öl ersetzt werden, mahnt das Umweltbundesamt, mehr Kunststoffe zu verwerten. Das sei aus ökologischer Sicht sinnvoller. Aber das geht schon ganz schön tief in die Materie rein.

Bevor man sich da in stofflichen Details verliert, finde ich einen anderen Aspekt viel wichtiger. Das Plastikfasten regt nämlich dazu an, mal über den eigenen Plastikkonsum nachzudenken. Und für die meisten, die sich damit beschäftigen und für all die, die Tipps zum Plastikvermeiden geben, heißt es nicht, dass man die Papiertüte statt der Plastiktüte nimmt. Es heißt, dass man ganz wie Oma das Beutel oder das Körbchen nimmt. Und zwar nicht vor Ostern, sondern immer. Um die ganzen Verpackungen kommt man nicht unbedingt herum. Aber wer mal eine Weile versucht hat, eine Alternative zu Plastik und anderen Kunststoffen zu finden, der lässt sich auch nicht mehr so einfach Quatsch aufdrängeln, den sich schlaue Werbetypen ausgedacht haben. Dann vermeidet man Quetschies als Frühstücksbeigabe für die Kids, in denen 100 Gramm Apfelmus verpackt sind. Dann greift man zur Kaffeetasse statt zum Pappbecher und in die Tasse kommt Kaffeepulver und kein Kapselgesöff. Man kauft nicht mehr alles halbe Jahre eine Frühstücksdose aus Plastik, die immer an der gleichen Stelle bricht, sondern einmal eine ordentliche aus Edelstahl. (Ich hoffe übrigens, das unsere Neuerwerbungen da genauso lange halten, wie die alte Aludose aus DDR-Zeiten, die wahrscheinlich seit vierzig Jahren ihren Dienst tut. Und ja, wir waschen die ab. Jeden Tag und von Hand. Wir schmieren Schnitten selber und schneiden Obst in Schnitze, statt geschälte Kiwi in Plastikverpackungen mitzugeben. Wir kochen auch selber. Fast jeden Tag. Und dafür schälen wir Kartoffeln, Möhren und Kohlrabi.)

Darum geht es beim Plastikfasten. Man könnte es auch wider den Wegwerfwahn nennen. Ein kleines bisschen Innehalten und überlegen, ob man die neuen Kleider oder die Kapselmaschine tatsächlich braucht, ob man die Knie der Jeans nicht flicken oder den Reissverschluß selber reparieren kann. Ob man wirklich neuen Bastelkram braucht oder noch ein Duschbad oder jedes Jahr neue Ostereier aus Plastik. Nein, es geht natürlich nicht um den Schutz der Mülltonnen vor den tatsächlich leichten Verpackungen, sondern es geht um den Schutz von Ressourcen. Was man nicht benutzt oder nicht jedesmal neu nutzt, muss nicht hergestellt werden. So einfach ist das.

Mit der Verletzungsgefahr für Kinder zu kommen und deshalb ein Glasfasten zu empfehlen, finde ich übrigens eine ganz miese Nummer. Die 13 000 Kinder unter sechs Jahren, die laut der Seite wireltern.de jedes Jahr wegen Schnittverletzungen im Krankehaus behandelt werden müssen, schneiden sich nicht an den Glasflaschen, in denen Mama und Papa die Milch nach Hause bringen.

Mal ganz abgesehen davon, dass bei den gezählten Kindern auch Messer und Draht die Schnitte verursachten, warnt die Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder – von der die Zahl und die Tipps zur Vorbeugung stammen – vor ziemlich vielen Dingen. Glasflaschen sind allerdings nicht dabei. Das Glas, dass die Schnitte verursacht, sind zum Beispiel Glastüren, gegen die wild spielende Kleinkinder gerne mal rennen. Oder Sofatische mit Glasplatte sowie das Standardtrinkglas. Ganz im Gegenteil, empfiehlt die BGA sogar den Verzicht auf Plastikflaschen wegen darin enthaltener Stoffe wie Bisphenol-A.

Zum Trinken unterwegs haben die meisten Kinder übrigens Flaschen aus Plastik oder aus Edelstahl. Denn auch Eltern, die auf Plastik verzichten, sind nicht dämlich.

Und jetzt Herr Pollmer, bin ich gespannt auf Ihre nächste Kolumne. Ich streite mich gern.

Und Ihr?

Seid Ihr strenge Plastikfaster oder versucht Ihr zumindest auf Euren Konsum zu achten? Habt Ihr eine Weile Plastik gefastet? Was hat das für Euch verändert?

Den Text schicke ich zu Einfach.Nachhaltig.Besser.Leben

Eine schöne Woche Euch!
Annett

von Annett Zündorf

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