Mit dem Fahrrad – von Lübeck nach Berlin

Ich habe das Fahrrad fahren spät gelernt. Was Mütter nicht können, brauchen Kinder ja auch nicht. Deshalb erst mit zehn – im brandenburgischen Sand, im Stehen, mit Opa als Gepäckträgerhalter. Zu Hause erbte ich das Rad, mit dem meine Mutter einen kurzen Lernversuch unternahm und gleich wieder abbrach. Glück gehabt. Es war grün und für Erwachsene. Ich fuhr es fast bis zum Abitur. Nein. Nicht so wie all die Kinder, die mit Freunden und frei jeden Nachmittag zu irgendwelchen Seen düsten. Eher langsam und selten. Das erste Mal auf große Tour ging ich mit 15. Alleine fuhr ich die 50 Kilometer zu meinen Großeltern, hatte eine unschöne Begegnung mit einem Bauer auf einem Moped, verdrängte diese und fuhr von da an immer öfters.

Ein Fahrrad bedeutet für mich Freiheit. Es hat genau die richtige Geschwindigkeit fürs Reisen. Man kann Kinder im Hänger mitschleppen, Massen von Gepäck aufladen. „Mit dem Fahrrad“ – das ist das neue Thema bei „Frühstück bei Emma“. Und weil das Fahrrad mein allerliebstes Verkehrsmittel ist, muss ich da natürlich meinen Senf dazugeben. Hier die Geschichte einer unserer Radtouren mit dem großen Kind. Sie ist schon ein paar Jahre her. Aber ehe der Text auf meiner Festplatte verschrumpelt, dürft Ihr ihn lesen. Ganz original und im damaligen Reisefeeling geschrieben.

Märchenwald über der Ostsee (die ist links vom Weg)

Der Start

Als ich im Doppelstockbett der Jugendherberge in Lübeck liege, bekomme ich Zweifel. Über mir höre ich meinen Mann im Schlaf atmen, neben mir träumt mein Sohn M., eingekuschelt in seinen Schlafsack. Vor dem Bett stapeln sich acht Fahrradtaschen, zwei Säcke, drei Helme, Tüten, Schuhe, Wasserflaschen. Sogar das Laufrad haben wir eingepackt.

Wir wollen radeln – von Lübeck nach Rostock, von Rostock nach Berlin: Sport und Baden in der Ostsee, Blicke auf stille Seen in Mecklenburg, Gänse, Pferde und Katzen für M. Zeit um den Kopf frei zu bekommen und ein bisschen Abenteuer. Aber was, wenn M. nicht im Wagen sitzen möchte oder wenn es ständig regnet. Wie gern läge ich jetzt in einem gemütlichen Häuschen gleich hinter den Dünen.

Am nächsten Morgen lockt uns die Sonne hinaus. Wir bewundern Bürgerhäuser und die Schiffe im Hafen und essen das erste Fischbrötchen. „Urlaub fahrn“, kräht M. alle zehn Minuten und erkundet begeistert die kleinen Gässchen zwischen den Häusern, die in verwunschene Hinterhöfe führen.

Gen Osten

Begleitet von Ausrufen wie „Das kann doch keinen Spaß machen“ und „Huch, da ist ja ein Kind drinne“, kämpfen wir uns nach Travemünde und durch noble Ferienhaussiedlungen, um dann endlich hinter den Dünen dem Ostseeküstenradweg zu folgen. Immer wieder öffnet sich ein Blick aufs Wasser. Das Kind schläft. Wir fahren an einem feudalen Gutshaus vorbei, das herausgeputzte Gäste beherbergt. Hier geht man sogar zum Strand im Anzug. Mit einem „Ja, Ostsee“, stürzt sich das Kind in den Sand, taucht die Füße ins Wasser, sammelt Steine, baut Türmchen. Das ist das Paradies.

Im Ostseebad Boltenhagen ist die Seebrücke voller Menschen. Schlendertourismus. Für den Strand ist es zu windig, deshalb besuchen wir das Maislabyrinth. Vorbei an einem schelmischen Gesicht aus Stroh laufen wir auf verschlungenen Wegen. M. jagt um jede Ecke. „Ja, verstecken“. Dann „Mais essen, Mama?“. Na klar. Das Kind beißt herzhaft hinein und knabbert, als habe er nie etwas anderes gegessen. Weiter geht die wilde Jagd und endet hinter der nächsten Ecke in der einzigen stinkenden Schlammsuhle weit und breit. Als wir aufschauen, sehen wir eine dunkle Wolkenwand schnell herankommen. Bedrohlich türmen sich die Wolken. Verdammt. Wir müssen hier raus. Aber wo ist der Ausgang? „Da lang, da ist die Straße“, sagt der Mann nach einem Rundumblick. Wir schließen das Verdeck des Wagens, wenigstens M. soll trocken bleiben. Dann im Laufschritt, Mist, eine Sackgasse. Blödes Labyrinth. Wir finden ein Dach, kurz bevor es regnet, als stünde man unter der Schwalldusche der Sauna. Auf dem Zeltplatz steht das Wasser, im Zelt nicht. Aber Kochen können wir vergessen, stattdessen speisen wir im Restaurant.

Es regnet immerzu

Seit dem Regen im Maisfeld sind die Schwalben unser Thema. „Sieh mal, die fliegen aber hoch“, „aber da drüben, die ist gerade bis aufs Feld hinabgestoßen“. So unterhalten wir uns den ganzen Tag. Das Kind unterhält uns mit einem unerschöpflichen Repertoire an Wetterliedern. „Liebe, liebe Sonne“, tönt es aus dem Wagen, dann kommt „Die Sonne und der Regen“, gefolgt von „Es regnet, es regnet, die Erde wird nass“.

In Heidenkaten, hatte die Karte gesagt, sei ein niederdeutsches Hallenhaus zu bewundern. Und die Bewohner des Hallenhauses haben in ihrer Scheune ein Heuhotel eingerichtet.

„Heu schlafen – lustig“, freut sich M. und stürzt ins frische Heu. Überglücklich kullert er hin und her. Die Spinnen in den Winkeln des niedrigen uralten Raumes interessieren ihn nicht. Er zickt nicht, als es dunkel wird und das Licht nur noch von der Taschenlampe kommt. Stattdessen legt er sich brav hin und schläft bis zum Morgen, ohne einmal aufzuwachen. Wir frühstücken unter im Wind rauschenden Pappeln, mit frischem Kaffee und einem riesigen Obst- und Gemüseteller. M. rast mit dem Laufrad herum. Möchtest du fahren, frage ich. „Ja, Juhu“, schreit das Kind und holt seinen Helm. Dann düst er los, Nuckel im Mund, Helm auf dem Kopf. Kleiner großer Kerl. Nach zwei Kilometern steigt er in seinen Wagen. Wir radeln.

Rerik. Ein lauschiger Weg schlängelt sich oberhalb der Steilküste, vorbei an Brombeersträuchern, Pflaumen- und Apfelbäumen. Hinter jeder Kurve gibt es einen neuen Ausblick auf die Ostsee. Wismar. Wir kaufen neue Gummistiefel für M.

Der Weg über Kühlungsborn nach Warnemünde führt direkt hinter den Dünen entlang, holpert durch einen malerischen Buchenwald oberhalb der Steilküste, in den Orten sitzen Omis und Opis auf Bänken. Wir bewundern die alten Villen in den Badeorten, denken in Heiligendamm an Frau Merkel und winken der alten Dampfeisenbahn „Molly“ zu.

Nach knapp 200 Kilometern und neun Tagen sind wir in Rostock-Warnemünde. Wir probieren gebackene Krabben und zeigen M. die Schiffe, die er reichlich uninteressant findet. Viel besser sind Möwen, die kreischend auf Leckerbissen warten. Auf dem Zeltplatz packen wir den Wagen voll und ziehen zum Strand. Ein Mann borgt uns sein Taschenmesser, wir schneiden Tomatensalat und picknicken im Sand. Die Sonne geht leuchtend unter. Am Zeltplatz ist das Tor geschlossen, „Wegen der Wildschweinplage“, erklärt der Mann vom Sicherheitsdienst, „wird hier alles abgeriegelt.“ Wildschweinplage? Erst jetzt fällt uns die aufgewühlte Erde auf dem Platz auf.

Gen Süden

In Rostock schummeln wir und steigen in den Zug nach Güstrow. Dort fahren wir an einer Pferdeweide vorbei, tauchen in den Wald ein. Es riecht nach Kiefern und Sand, Pilzen und Sonne. Wir sausen über eine tolle Fahrradstraße, es geht kräftig hoch und runter. Richtig, hier fängt die Mecklenburgische Schweiz an.

Krakow am See verbreitet mit dem langen Markt, dem Tierbrunnen und der Minipromenade am Seeufer das Gefühl von Ruhe. Hier ticken die Uhren noch anders, raunen uns Pflastersteine, Boote und die kleinen verwunschenen Bootshäuschen zwischen Schilf und Weiden zu. Wir mieten ein Kanu. In seine Schwimmweste verpackt schleppt das Kind ein großes Doppelpaddel zum Wasser und sieht aus wie ein kleiner Recke. Ohne die geringste Hemmung steigt er ein. Wir paddeln auf den See hinaus. Als wir einlenken, ruft M. „Nochmal Boot fahren.“ Eine Hand ins Wasser halten, die Möwen auf den Bojen anschauen, dem Ausflugsdampfer zuwinken, – ach das könnte den ganzen Tag so weiter gehen. Beim Picknick am Ufer schreit M., eine Wespe hat ihn an der Oberlippe erwischt, zum Glück habe ich ein Kühlgel dabei. Dann ist der Finger des Mannes dran, schließlich mein Bein. „Die wohnen da im Schilf“, sagt der Bootsvermieter in einem Ton, der sagt: „Wie kann man nur so blöd sein.“

Unsere nächste Station ist Waren. Das Zentrum der Mecklenburger Seenplatte liegt direkt an der Müritz und ist ein lebendiges Städtchen mit vielen Restaurants und großem Hafen. Mitten drin steht ein Schiff – riesig, dunkelbraun, mit Sonnenschirmen davor. Es beherbergt das größte Süßwasseraquarium Deutschlands. M. kriegt sich vor Aufregung schon wieder kaum ein. „Fische, Fische“, schreit er und rennt von Aquarium zu Aquarium, freut sich über die Barthaare der Welse und schnappt wie ein Fisch nach Luft. Bei den Müritzfischern bekommern wir später frisch gefangenen Fisch für den Magen.

Als wir in Waren starten wollen, schleift des Mannes Rad, ein Eichhörnchen war ihm am Tag zuvor hineingerast. Das hält, beschließt mein Mann und wir radeln Richtung Wesenberg. Mitten durchs Paddler-Eldorado, vorbei an Seen, Mooren, flachen Weihern mit abgestorbenen Bäumen, in denen eine Schwanenfamilie nistet. Am Rand steht ein Kranich ganz still. Die Wolken türmen sich über Wiesen und Kühen, einsamen Höfen und Waldstücken, wie Wolken das nur im Norden, über flachem Land, können. Ganz weiß und fluffig. Hinten im Wagen feiert das Kind eine Geburtstagsparty mit seinem Teddy. „Hoch soll er leben, drei Mal hoch …“, singt er immer wieder.

Picknick gibt es bei Bedarf auch schnell am Wegesrand.

In Wesenberg ist Schluss. Speichenbruch. Spätfolgen des Eichhörnchen-Kontakts. Der Besitzer des Fahrradladens leidet an gebrochenem Herzen – die Folgen seiner Scheidung – und ist zum Angelausflug. Wir rufen eine Nummer am Straßenrand an, auf der ein Ferienhaus angeboten wird, glücklicherweise ist es frei. Die Zwangspause führt uns in einen Garten mit Kräutern, Möhren und Brombeeren. Wir machen Kräuterbutter, kochen zum Abendbrot richtige Kartoffeln.

Und dann haben wir noch einmal Pech. Der Weg führt nicht nur so steile Steigungen hoch und runter, dass wir absteigen müssen, nein. Wir holpern auch über einen schmalen, komplett verwurzelten Waldweg, der steil zum See abfällt. Manchmal hängt der Wagen gefährlich schräg. M. genießt die Fahrt durch den Wald. Wir haben kaum einen Blick für den malerischen See übrig, der rechts von uns still in der Sonne glänzt. Wir gönnen uns eine Pause im neuen Bio-Café am Ellbogensee. Hier gibt es guten Kaffee, den wir in der große Buddelecke mit Bagger, Autos und Baumaschinen schlürfen. Einer der malerischsten Plätze unser Reise. Aber wir müssen weiter.

Kilometer um Kilometer auf tollen Fahrradstraßen ziehen vorbei. Zehdenick, Liebenwalde. Vorbei am Ziegeleimuseum, Pferden und Kühen Richtung Berlin. Nach knapp 80 Kilometern sehen wir den Hauptbahnhof, fahren am Kanzleramt vorbei bis zum Brandenburger Tor. Dort steigen wir ab. Das Kind rennt zu den Pferdedroschken, beobachtet begeistert eine Frau, die riesige Seifenblasen aus einem Eimer zieht. Yeah! Sieger!

Wer hat jetzt Lust auf Sommer?

Ich könnte auf jeden Fall sofort los. Viel Spaß beim Träumen!
Annett

 

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10 Comments

  • Reply verfuchstundzugenäht 14. Februar 2018 at 19:33

    Ich erkenne die Schönheit die in der Aktion liegt… aber in meinem Leben wird das icht stattfinden. Schade, wenn ich das so lese, das ist mein Schweinehund zu groß.

    • Reply annett 14. Februar 2018 at 20:28

      Naja. Ich hab einfach andere Schweinehunde. LG Annett

  • Reply Geraldine 13. Februar 2018 at 22:18

    ohhh, toll geschrieben!!!
    GLG, Geraldine

    • Reply annett 14. Februar 2018 at 08:00

      Dankeschön! LG Annett

  • Reply Birgitt 13. Februar 2018 at 19:37

    …wow, das gefällt mir gut…niemals wäre ich auf die Idee gekommen eine so lange Fahrradtour zu fahren und schon gar nicht mit einem so kleinen Kind, aber es scheint, es war genau das richtige für euch…es klingt sehr gut und war für euren M bestimmt nicht nur schön sondern auch gut, um mutig und unternehmenslustig seinen Weg zu gehen…

    liebe Grüße Birgitt

    • Reply annett 13. Februar 2018 at 22:00

      Ja. Wir können nicht klagen 🙂
      LG Grüße
      Annett

  • Reply eva 13. Februar 2018 at 18:24

    Finde ich sowas von genial und ich freue mich mit dir, Wahnsinn. Sowas gefällt mir.

    Ich bin hin und weg.

    Lieben Gruß Eva

    • Reply annett 13. Februar 2018 at 22:02

      Danke Dir. Jetzt warten wir, dass die Kinder endlich selber so weit fahren können.
      Liebe Grüße
      Annett

  • Reply Pia 13. Februar 2018 at 15:39

    Also so Abenteuerlich war ich noch nie unterwegs und werde es wohl auch nie sein, dafür bin ich viel zu bequem.
    Aber Chappo vor dieser Leistung bleibt sicher unvergesslich.
    L G Pia

    • Reply annett 13. Februar 2018 at 16:29

      Oh, vielen Dank, liebe Pia. Wenn man einmal losgefahren ist, kommt es einem gar nicht so abenteuerlich vor. Aber schön is!! LG Annett

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